Blogtour US – Wie Worte so laut

Vor einiger Zeit hat mich die liebe Ronja Delahaye gefragt, ob ich im Rahmen der Veröffentlichung ihres neuen Buches US – Wie Worte so laut an der Blogtour teilnehmen würde und etwas über psychische Störungen schreibe. Eine Bitte, die mich unfassbar ehrt. Ihr wisst vielleicht, dass Ronja nicht nur eine Kollegin ist, die ich unglaublich schätze, sondern mittlerweile auch eine sehr gute Freundin.
Ich hoffe sehr, mein Beitrag wird ihr gerecht, denn das Buch und die Geschichte mit diesen wundervollen Charakteren, die sie geschaffen hat, berührten mich zutiefst. <3

Psychische Störungen

… sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Und genau darum ist es nicht immer leicht, sie nachzuvollziehen. Gerade das ist für die betroffenen Menschen neben der Krankheit selbst oft das größte Problem.
Denn es ist genau dies, eine Krankheit, von der sie betroffen sind, ausgelöst durch die verschiedensten Ursachen, die für andere nicht immer verständlich sind.

Y., eine sehr gute Freundin von mir ist Genesungsbegleiterin. Die Voraussetzung für die Ausbildung, die sie gemacht hat, ist selbst einmal in therapeutischer Behandlung gewesen zu sein und das aus gutem Grund: Die Gefahr ist zu groß, nicht verstehen zu können, dass ein Mensch mit einer für einen selbst vielleicht banalen Situation anders umgeht, als man selbst es würde.

Einmal traf ich eine Frau, die sie begleitet, die an einer dissoziativen Identitätsstörung leidet, auch bekannt unter multiple Persönlichkeitsstörung. Eine Krankheit, mit der ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht viele Berührungspunkte hatte. Das Faszinierende: Eine der Persönlichkeiten der Frau, eben jene, die ich kennenlernte, ist blind.
Obwohl die Frau rein physisch sehen kann und des Sehens mächtig ist, wenn ihre anderen Persönlichkeiten zum Vorschein kommen, ist sie mit dieser einen völlig blind. Sie saß hilflos vor einem Blatt Papier und brauchte jemanden, der es ihr vorlas.
Die Vorstellungskraft, dass so etwas allein möglich ist, fällt schwer. Wahnsinnig schwer. Denn zu akzeptieren, dass etwas möglich ist, was man nicht begreift, fällt schwer. Schnell erwischt man sich bei dem Gedanken, dass sie ja dennoch etwas sieht und es doch nicht angehen kann, dass das Gehirn es in diesem Fall nicht verarbeitet, doch: Es. Ist. So.

Von Verständnislosigkeit und Ausgrenzung

Wie hart es ist, wenn ein Gegenüber es nicht begreift, muss eine andere Freundin, von mir immer wieder erleben. Auf Grund einer Angststörung ist E. in ihrem nächsten Umfeld gefangen, denn sie kann die öffentlichen Verkehrsmittel nicht nutzen, ohne von heftigen Panikattacken geplagt zu werden. Das war nicht immer so und es wird hoffentlich auch nicht immer so bleiben, es gab Zeiten, da war es ihr durchaus möglich. Manchmal kann sie zumindest die zwei Stationen mit der Bahn zu mir zu fahren, doch nach zwei weiteren wird ihr so schlecht und beklommen, dass es nicht mehr weitergeht. Sie leidet Qualen. Übelkeit, Zittern, Schwindel, Hyperventilation, Engegefühl in der Brust und der Kehle, all das sind die Begleiterscheinungen einer Panikattacke.
Den Weg zurück muss sie zu Fuß bestreiten, die nächsten Tage wird sie sich erholen müssen, wie nach einer schweren Grippe. Dabei weiß sie, dass ihr nichts passiert. Es gibt keinen Grund, ausgerechnet in der Bahn Panik zu bekommen. Doch ihr Kopf weigert sich, das anzunehmen und sendet dem Körper die falschen Signale.

Vor ein paar Tagen musste sie dringend zu einem Chirurgen. Sie hätte in ein Krankenhaus gemusst, war jedoch kein Notfall. Jeder Rettungswagenfahrer hätte ihr den Vogel gezeigt, hätte sie einen Krankenwagen erfragt. Weder sie noch ihr Mann haben einen Führerschein, ihre Mutter war nur Stunden zuvor am Auge operiert worden und für ein Taxi fehlte das Geld. Vom Kassenärztlichen Notdienst am Telefon kam nur Unverständnis statt einer helfenden Lösung.
Kaum vorstellbar, was für ein Gefühl das sein muss. Wie erklärt man jemandem, der es nicht nachvollziehen kann, dass der eigene Körper etwas so simples wie Bahnfahren schlicht nicht zulässt? Dass es auch in einer Notsituation wie dieser einfach nicht geht? Und wie kommt man selbst damit klar, wenn man es vor einem Jahr noch konnte und nun plötzlich nicht mehr?

Doch das Problem ist oft: Selbst wenn man einen Grund angeben KANN, heißt dies noch lange nicht, dass er vom Gegenüber akzeptiert wird. Der Auslöser mag für den einen wie eine Lapalie klingen, wirft aber den Erkrankten in eine schier unüberwindbare Abwärtsspirale, aus der er nur selten allein herauskommt. Noch dazu leidet man damit an einer Krankheit, die nicht äußerlich erkennbar ist.

Sprüche wie „Warum behauptest du, du hast Depressionen? Du hast doch alles.“ Oder sogar „Sei doch froh, dass es dir körperlich gut geht.“ Sorgen zusätzlich noch dazu, dass man nicht darüber spricht oder sich gar zurückzieht und isoliert. Ein Umstand, der das Krankheitsbild oft noch verschärft.

Die menschliche Psyche ist seltsam. Sie kann sich nicht nur auf den gesamten Körper auswirken, sondern auch auf das komplette Leben. Sie kann dich einschränken, sie kann machen, dass es dir furchtbar dreckig geht, obwohl dein Verstand dir sagt, dass du glücklich sein müsstest und dir dann noch einreden, dass du dich deswegen noch schlechter fühlst.

Sie kann dich blind werden lassen, obwohl du sehen kannst. Sie kann dafür sorgen, dass du in völlig normalen Situationen Panik bekommst. Sie kann dir einreden, dass du zu dick bist, obwohl man jeden Knochen an deinem Körper sehen kann. Sie kann SO irrational sein, dass sie dir sagt, die kleine winzige Portion auf deinem Teller, die gerade für ein Kleinkind gereicht hätte, sei so groß wie dein Magen und ist genug für den Tag. Ja, ich weiß, wovon ich spreche. Und sie kann dich stumm werden lassen, obwohl du sprechen kannst. Etwas, mit dem Reyes aus ‚US – Wie Worte so laut‘ zu kämpfen hat.

Selektiver Mutismus

Selektiver Mutismus bezeichnet eine Krankheit, bei der die Betroffenen im Gegensatz zum kompletten Mutismus (bei dem sie gar nicht reden) „selektieren“, mit wem sie sprechen. Ein Umstand, der oft Probleme mit sich zieht, grenzt man sich und andere damit gezwungenermaßen aus und stößt sie eventuell gar vor den Kopf, wenn man mit der einen Person redet und mit der nächsten nicht. Es schränkt ein. Probiert es mal aus. Der Einkauf beispielsweise stellt einen plötzlich vor ganz neue Hürden. Der Gang zum Arzt, vor allem, wenn man ihn noch nicht kennt. Die Schule (denkt bloß an die mündlichen Noten) oder später der Job. Man ist nicht in der Lage, zu reden, obwohl man es physisch gesehen kann und merkt dein Umfeld, dass du es kannst, aber nicht mit ihnen tust, fühlen sie sich hintergangen, veräppelt oder sind gekränkt.
Und doch ist es ähnlich wie bei meiner nicht bahnfahrenden Freundin, es ist eine Angststörung. Angst, die der Kopf vorgaukelt, die nicht rational zu erklären ist und damit so unfassbar schwer zu akzeptieren.
Die meisten Menschen mit selektiven Mutismus sind übrigens Kinder, doch die Krankheit kann sich durchaus auch noch bis ins Erwachsenenalter ziehen. Betroffen sind laut Schätzungen etwa 0,8 % der Gesamtbevölkerung, was wohl erklärt, warum die Krankheit so unbekannt ist.
(Mehr über selektiven Mutismus findet ihr übrigens HIER)

Gerade deshalb war es so unglaublich interessant, Reyes auf ihrem Weg zu begleiten, ihr Leben ein wenig mit zu leben und sich darüber bewusst werden, wie sehr der Kopf einen beeinträchtigen kann.

Wie also verhalten, wenn sein Gegenüber einem erklärt, dass er an einer psychischen Erkrankung leidet?

Während viele von ihnen inzwischen schon in der Gesellschaft anerkannt sind, fällt es vielen Mitmenschen jedoch weiterhin schwer, damit umzugehen.

Redet drüber. Hört zu und urteilt nicht. Fragt, wenn ihr etwas nicht versteht. Und vor allem: Bleibt sichtbar und taucht nicht ab.
Informiert euch und tauscht euch aus. Es gibt etliche Foren im Internet, wo auch Freunde und Angehörige sich austauschen und unterstützen können.

Bei Psychenet, einer Seite, die vom UKE Hamburg und der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) gefördert wird, findet ihr zum Beispiel eine Übersicht und viele Informationen zu den einzelnen Formen.

Doch nicht nur das. Viele Betroffene machen inzwischen selbst darauf aufmerksam und berichten euch auf verschiedenen Social Media Kanälen von ihrem Leben. So zum Beispiel @limelu, die ihr auf Instagram findet, wo sie von ihrem Leben mit Borderline erzählt. Ein Blick auf ihre Story-Highlights und ins IGTV zeigt euch einen sehr interessanten Einblick.

Wer selbst Hilfe braucht, kann sich übrigens telefonisch oder online bei der Telefonseelsorge unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 melden. Dort werdet ihr nicht nur anonym und vertraulich behandelt, sondern auch beraten, welche Form der Therapie und Hilfe für euch die Richtige sein könnte.

Schaut euch unbedingt auch die anderen Beiträge der US – Wie Worte so laut Blogtour an

Biancas Bücherhimmel startete mit einem tollen Beitrag inklusive Gebärdensprachentabelle
Bunte Worte schrieb darüber, wenn leise Beziehungen die lautesten sind
Süchtig nach Büchern führte ein wunderbares Interview mit Fynn

Und morgen kommt ein sehr lohnenswerter Text auf Ronjas eigener Seite, der mich selbst zu Tränen gerührt hat, aber mehr verrate ich noch nicht.

Über US – Wie Worte so laut

»Die Abwesenheit von Worten hat in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Nein, eigentlich ist es nicht die Abwesenheit von Worten – sondern viel mehr die Anwesenheit von Stille. Sie umgibt mich wie ein willkommener Kokon. Bis ich jemandem begegne, bei dem ich das Bedürfnis habe, mich daraus zu befreien.« 

Seit Jahren spricht Reyes nur noch mit ihren engsten Vertrauten, in der Öffentlichkeit hüllt sie sich in Schweigen. Sie hat Angst. Angst davor, dass fremde Menschen ihre Stimme hören könnten. Doch dann trifft sie auf den tauben Fynn, bei dem sie sagen kann, was immer sie will. Der junge Musiker führt ihr vor Augen, wie wundervoll es sein kann, aus ihrem gewohnten Leben auszubrechen. Reyes‘ Umfeld beobachtet die Entwicklung misstrauisch. Dabei wird der jungen Frau eines klar: Viele könnten ihr zuhören, aber es gibt nur einen, der sie wirklich versteht. Aus ihrer Stille werden Worte, aus Worten eine gemeinsame Sprache. Schon bald entwickelt Fynn Gefühle für die stille junge Frau, schwört sich aber, diese ihretwillen hintenanzustellen. 

Doch ist das wirklich die richtige Entscheidung für ihn – und für Reyes?

Das Buch bekommt ihr beispielsweise HIER, könnt es aber auch überall im Handel bestellen.

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