Aésha

Das Leben führt uns mitunter über verworrene Pfade, doch das Schicksal der jungen Aésha scheint bereits vorbestimmt. Sie soll das Anwesen ihrer verstorbenen Eltern vor dem Verfall bewahren und einen reichen Widerling heiraten, um ihre Zukunft zu sichern. Als sie jedoch in den Sachen ihrer Mutter auf besondere Briefe stößt, treibt es sie raus aus ihrem Heimatdorf mitten in ein Abenteuer.

In Elandor findet Aésha nicht nur Lilja, die Verfasserin der Briefe, sondern auch die Wahrheit über ihr Dasein: Aésha ist eine Magierin und noch dazu Nachfahrin der mächtigsten Wächter des Kontinents Isandora. Während sie diese neue Rolle noch zu verstehen versucht, gerät sie allerdings unwissentlich in das Visier des Feindes. Es beginnt ein Kampf um ihr Leben und das der Völker Isandoras …

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Leseprobe Kapitel 1 aus Aésha Im Land des Waldes

 

Es war zu dunkel, als dass Aésha hätte erkennen können, wo sie war.

So dunkel, dass sich die schemenhaften Gestalten, die wie schwarze Schatten auf sie zukamen, kaum von ihrer Umgebung abhoben. Die schaurigen Gesänge, die sie von sich gaben und eine Gänsehaut auf ihren Armen verursachten, wurden von einem körperlosen Murmeln in einer Sprache begleitet, die Aésha nicht verstand.

Ihr Geist, der eben noch träge und müde war, als wäre sie soeben erst erwacht, klärte sich mit einem Schlag auf, als sie die Bedrohung wahrnahm, die von diesen Wesen ausging. Sie wollte fort von hier, ihr ganzer Körper schrie nach Flucht, ihr Atem beschleunigte sich, ihr Herz raste, doch ihre Beine bewegten sich nicht. Während die Gestalten unaufhaltsam in ihre Richtung kamen, verweigerte ihr Körper ihr den Dienst.

Aésha sah zu ihnen hinunter, doch da war nichts, das sie hätte aufhalten können. Der Boden war aus glatt poliertem Stein, keine Ranken, kein Sumpf, in dem sie feststeckte, sie war schlicht gelähmt.

Stein bedeutete aber auch, dass sie in einem Gebäude sein musste. Wenn auch in einem, in dem sie offensichtlich noch nie zuvor gewesen war. Hektisch versuchte sie, in der Dunkelheit die Wände zu erkennen, doch die einzige Lichtquelle war ein rundes, mit Ornamenten verziertes Fenster im Dach über ihr, dessen Abbild als ein gigantischer Schatten in dem Schein auf den Boden prangte.

Die Wesen schritten weiter darauf zu. Und damit auch auf sie, die inmitten dieses Scheines stand.

Unaufhaltsam gingen die verhüllten Gestalten voran. Stück für Stück näherten sie sich. Langsam, doch dadurch nicht minder bedrohlich wirkend – es war doch offensichtlich, dass ihr Opfer unfähig war, zu fliehen.

Aéshas Herz schmerzte in ihrer Brust, sie atmete so schnell, dass ihre Lunge brannte.

Erst als sich ihr Puls so stark beschleunigte, dass ihr Herz in der Brust zu bersten schien und ihr der kalte Schweiß die Kleidung an ihrem Rücken kleben ließ, lösten sich plötzlich ihre Muskeln aus der Starre. Endlich konnte sie loslaufen. Wenn sie doch nur nicht so quälend langsam vorankäme.

Die Stimme, die zuvor nur ein Murmeln gewesen war, schwoll an und legte sich wie eine bleierne Schwere auf ihren Geist und ihren Körper. Doch noch bevor sie wieder stehen blieb, paralysiert von diesem Klang, hob sie die Arme und presste ihre Finger gegen die Ohren.

Die Worte, die sie soeben noch betäubt und gelähmt hatten, verloren die Macht über sie. Sie verstand. Es war nicht die Panik, die sie gelähmt hatte, es war die Stimme!

Schlagartig fiel der Zauber von ihr ab. Strauchelnd stürzte sie in eine beliebige Richtung und lief blind in die Finsternis, die abrupt an einer Wand endete. Beinahe hätte sie die Finger wieder von den Ohren genommen, um sich an ihr entlangzutasten, doch schon als sie nur den Druck minderte, vernahm sie sogleich wieder das Murmeln, das inzwischen in eine Art Sprechgesang übergegangen war und die jetzt aufgeregt kreischenden Wesen, die ihr folgten.

Mit aufgerissenen Augen keuchte Aésha und zwang sich dabei, die Hände nicht schützend vor sich zu halten, sondern da zu lassen, wo sie waren. Sie stolperte an der Wand entlang, vorbei an Säulen, die den unüberblickbaren Raum stützten, suchte nach einem Ausgang, doch sie lief geradewegs in eine Ecke, aus der es kein Entkommen mehr gab.

Viel zu schnell hatten die Wesen sie eingeholt und sie eingekesselt. Vorbei ihre Gemächlichkeit.

In der Stille wirkten sie beinahe noch bedrohlicher als mit den Geräuschen, die sie von sich gaben.

Aésha kniff die Augen zusammen, als könnte es helfen, bevor sie all ihre Kräfte zusammennahm und schrie, solange schrie, bis sie erwachte.

 

Sie fuhr hoch und blickte sich hektisch um.

Der kalte Schweiß, den sie in ihrem Traum schon gespürt hatte, klebte auch jetzt an ihrem Körper und nahm damit seinen Schrecken mit in die Realität.

Tief einatmend, versuchte sie, sich zu beruhigen und sah sich dabei in ihrem Zimmer um. Es wirkte gleichzeitig vertraut und so fremd, als könnten die Gestalten in den Ecken lauern.

Doch da war nichts. Kein Gesang, kein Murmeln.

Sie wartete, ob nicht doch etwas geschah, bis sie überzeugt davon war, in Sicherheit zu sein. So bemerkte sie zu spät, dass tatsächlich etwas nicht war, wie es sein sollte.

Durch den Türspalt drang ein sanftes, bläuliches Licht.

Es gab nichts, was derart leuchtete, zumindest nichts Natürliches. So kühl und stetig, das konnte in keinem Fall eine Kerze oder ein Feuer sein.

Aésha fiel es schwer, nach diesem Albtraum genug Mut aufzubringen, um dem auf den Grund zu gehen. Es nicht zu tun, kam jedoch ebenso wenig in Frage. Also holte sie tief Luft, schlug die Decke zurück und schlich zur Zimmertür, um daran zu lauschen.

Nichts. Absolute Stille.

Leise öffnete sie die Tür und spähte in den Flur hinein, konnte jedoch keine Bedrohung entdecken.

Sie wusste, das Beste wäre es jetzt, Hilfe zu holen. Schließlich musste es jemanden geben, der sich Zutritt zu ihrem Haus verschafft hatte und diesen Schein verursachte. Doch dieses Leuchten, das Aésha nun durch den Gang führte, zog sie auf unerklärliche Weise an, sodass sie keinen weiteren Gedanken daran verschwendete.

Mit vom Läufer gedämpften Schritten durchquerte sie den Flur, vorbei an mehreren ungenutzten Zimmern des für sie viel zu großen Anwesens und hielt vor der Luke in der Decke inne, zu der eine Leiter am Ende des Flures führte.

Der Ursprung des Leuchtens kam vom Dachboden.

Wer könnte bloß etwas dort oben wollen?

Nervös trat sie von einem Bein auf das andere. Die Leiter würde sie nicht lautlos erklimmen können. Beinahe jede Sprosse hatte die lästige Eigenart, äußerst geräuschvoll zu knarren. Unmöglich, hinaufzuklettern, ohne bemerkt zu werden.

Dass sie ihr Kindermädchen Una wecken könnte, machte ihr keine Sorgen. Die schlief im anderen Teil des Hauses und hatte sich schon lange einen ganzen Flur als ihr Eigen eingerichtet, als wäre sie die Herrin des Anwesens. Doch das bedeutete auch, dass sie ihr nicht schnell genug zu Hilfe eilen konnte. Nicht, dass sie dafür zu gebrauchen wäre.

Aésha schnaufte verächtlich. Sie hielt nicht besonders viel von der Frau, in deren Obhut sie lebte. Una tat ihre Pflichten, sorgte für ein Mahl auf dem Tisch und unterrichtete Aésha in Schrift, Sprache und Rechnen, doch vom Charakter her war sie plump, man konnte fast sagen, dumm und dazu noch faul.

Wenn Aésha sie jetzt weckte, um ihr von einem seltsamen blauen Leuchten auf dem Dachboden zu berichten, würde sie nur einen fragenden Blick aufsetzen und sie wieder ins Bett schicken. Nicht, ohne sie für die nächtliche Störung auszuschimpfen und ihr zur Strafe die Hausarbeiten der nächsten Woche aufzuhalsen, die sie sich sonst teilten.

Es hatte keinen Sinn, Aésha musste allein dort hoch und nachsehen.

Sie ergriff den Leiterrahmen und setzte ihren linken Fuß vorsichtig ganz außen an den Rand der ersten Sprosse, in der Hoffnung, sie würde sich dadurch nicht allzu tief durchbiegen und stumm bleiben.

Tatsächlich ging diese Taktik auf.

Sie erreichte beinahe lautlos die Luke zum Dachboden und spähte vorsichtig durch die Öffnung. Es war niemand zu sehen, doch sie fand den Ursprung der Lichtquelle.

Hinter einem alten Spinnrad, zwischen zwei kaputten Bilderrahmen, ihrem Spielzeug aus Kindertagen und unter einem von Spinnweben behangenen Balken schimmerte es sanft. Es war eine riesige Kiste, nein, besser gesagt, es war die Truhe ihrer Mutter, von der Aésha noch wusste, wie diese sich strikt geweigert hatte, sie zu entsorgen, obwohl sie nirgends einen guten Platz fand.

Vor langer Zeit war sie wohl hell gestrichen worden, doch inzwischen war die Farbe längst größtenteils abgesplittert, die Verzierung mit verspielten Ranken und Blüten nur noch schwach zu erkennen und sie war so groß, dass Aésha sich fragte, wie man sie wohl auf den Dachboden geschafft haben mochte.

Sie ging langsam, nun etwas mutiger, darauf zu. Was auch immer dieses Licht verursachte, es schien keine Bedrohung zu sein. Zumindest wartete hier niemand, um sie zu erdolchen und auch die Schatten blieben alle da, wo sie hingehörten, noch immer waren keine dunkel gewandeten Gestalten in der Wirklichkeit auszumachen.

Die Scharniere quietschten leise, als sie sich daranmachte, die Truhe zu öffnen. Aésha stemmte den Deckel auf und beäugte interessiert den Inhalt.

In der Truhe lagen einige Bücher und mehrere Fläschchen, gefüllt mit Kräutern und Flüssigkeiten, die sie nicht zuordnen konnte. Die Etiketten waren vergilbt und nicht zu entziffern; die Schrift kam Aésha nicht bekannt vor, es musste eine andere Sprache sein. Sie fand Kleidung, leicht und unglaublich fein gewebt. So kunstvoll, dass sie von Elben gefertigt sein musste. Außerdem einen Umhang und einige Beutel und Taschen.

Es reizte sie, sofort deren Inhalt zu erforschen, doch ein Bündel Briefe weckte ihr Interesse.

Ihr stockte der Atem. Sie erkannte die verschnörkelte Schrift ihrer Mutter darauf, auch wenn sie sie schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Vorsichtig nahm sie das brüchige Papier und blätterte die Seiten durch, doch dann ließ sie sie enttäuscht wieder sinken. Ihre Mutter schrieb hier in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie konnte lediglich sehen, dass die Briefe an ihren Vater gerichtet waren und fand schließlich auch seine Antworten. Dann noch andere, die an ihre Mutter adressiert waren, geschrieben von einer Frau namens Lilja. Doch außer dem Wort Elandor konnte sie nichts erkennen.

Lilja musste aus der Hauptstadt stammen.

Aésha fragte sich, wer sie wohl gewesen sein mochte.

Sie wurde unruhig. Sie fragte sich, was das hier sollte. Ein Albtraum, ein Leuchten, eine merkwürdige Kiste, Briefe in einer Sprache, die sie nicht kannte. Sie wusste nicht einmal, dass ihre Mutter eine andere Sprache beherrscht hatte! Aésha rieb sich die Augen, hielt sie eine Weile geschlossen, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, gab es jedoch bald wieder auf und legte die Briefe fürs Erste zur Seite. Mit ihnen würde sie sich später befassen.

Etwas anderes erregte ihre Aufmerksamkeit. Ein Stab lag auf einem Buch und es war nicht zu übersehen, dass die beiden Dinge zusammengehörten. Beide strahlten so offensichtlich Magie aus, dass sie die Truhe vor Schreck beinahe wieder zugeschlagen hätte.

Was hatte das zu bedeuten?

Obwohl sich ihr dabei die Nackenhaare aufrichteten, wusste sie, sie würde es nur mit Hilfe dieser Briefe herausfinden. Mit zittrigen Händen ergriff sie eine Schnur, um sie zusammenzubinden und heil nach unten zu bringen. Dann stellte sie noch einmal sicher, dass sie wirklich allein war. Was hatte dieses Leuchten ausgelöst? Doch es war niemand dort.

 

Als Aésha wenig später wieder in ihrem Zimmer im Bett lag, dick eingehüllt in ihrer Decke, machte sie kein Auge zu. Die Briefe lagen auf ihrem Nachttisch. Buch, Stab und alles andere dagegen immer noch gut verstaut in der Truhe auf dem Dachboden.

Sie hatte es nicht einmal gewagt, sie zu berühren.

Ihre Mutter konnte keine Zauberin gewesen sein. Die gab es längst nicht mehr. Zumindest nicht hier. Dass es Magie gab, das wusste Aésha, aber in Maurin? Dieser kleinen Stadt voller normaler Menschen?

Sicher, der alte Bullit, der schon seit Ewigkeiten in den Bergen lebte, behauptete steif und fest, ein Zauberer zu sein. Doch so sehr er sich auch mühte, die Kinder, die ihn auslachten, in Kröten zu verwandeln, bisher hatte nie eins von ihnen zu quaken begonnen oder auch nur eine Warze bekommen. Die Leute hielten ihn lediglich für einen alten verwirrten Greis mit einer sehr lebhaften Fantasie.

Aésha versuchte, sich an ihre Mutter zu erinnern. An Sarina Hallinor, die starke, wunderschöne Frau, die viel zu früh verstorben war. An ihr Lachen, die grünen Augen, die sie ihrer Tochter vererbt hatte sowie die wilden Locken, an ihre Geschichten, die Lieder, die sie ihr vorgesungen hatte, die Ausflüge im Wald, wo sie gemeinsam Kräuter sammelten, an die Tage, an denen sie zusammen kochten und auch daran, wie sie sie pflegte, wenn sie mal krank war. An all das dachte Aésha, aber sie fand nicht den geringsten Hinweis darauf, dass ihre Mutter tatsächlich eine Magierin gewesen sein könnte.

Es war schon hell, als Aésha endlich in einen unruhigen Schlaf fiel. Als Una sie schließlich weckte, hämmerte es in ihrem Kopf und sie fühlte sich erschöpft und ausgelaugt.

Im Kampf gegen ihre zotteligen Haare kapitulierte sie gleich, sie kringelten sich eigenwillig. Sie zog sich ihre Hose und eine leichte Leinentunika an, schlüpfte in ihre Stiefel und machte sich an ihre Aufgaben bei der Hausarbeit, fest entschlossen, nicht mehr an die vergangene Nacht zu denken.

Doch wie sich herausstellte, war das unmöglich. Immer wieder erwischte Aésha sich dabei, wie sie sich Fragen stellte oder ihr Blick zum Dach des Hauses wanderte. Dorthin, wo die geheimnisvolle Truhe stand. Wie zum Beispiel, als sie am Nachmittag Ausschau nach dem Falkenweibchen Maru hielt, doch sie war nirgends zu sehen.

Drei Jahre war es nun her, seit sie den Vogel mit einem gebrochenen Flügel gefunden hatte. Liebevoll und geduldig pflegte sie das Tier gesund. Dass sie sie jetzt nicht entdecken konnte, betrübte sie zwar, war jedoch kein Grund zur Beunruhigung. Maru blieb des Öfteren für mehrere Tage weg, doch irgendwann kam sie immer wieder.

Jetzt aber vermisste Aésha die Gesellschaft ihrer Freundin. Ein letzter Blick auf das Dach und die dahinter untergehende Sonne zeigte ihr, dass es Abend wurde. Zeit, wieder hineinzugehen, wo Una gewiss schon das Essen vorbereitete.

 

„Sag mal,“ fing Aésha beim Abendessen an. „Was weißt du noch über meine Mutter?“

Das Kindermädchen hielt, mit dem Löffel auf halbem Weg zum Mund geführt, inne.

„Deine Mutter? Was meinst du?“

„Du hast sie doch gekannt.“

„Natürlich kannte ich sie, sie hat mir ihr Kind in Obhut gegeben.“ Una war deutlich anzumerken, dass sie kein Interesse an dieser Unterhaltung hatte.

„Kannst du mir etwas über sie erzählen?“

Una seufzte und beäugte mit geschürzten Lippen ihren Teller, bevor sie weitersprach: „Was möchtest du denn wissen?“

Aésha überlegte. Es würde eigenartig erscheinen, wenn sie gleich mit der Tür ins Haus fiel. Die Truhe gehörte ihrer Mutter, damit zum Erbe und somit ihr, aber dennoch wollte sie nicht verraten, dass sie von ihr wusste.

„Wo kam sie her? Ist sie hier in Maurin geboren worden? Habe ich wirklich nicht noch anderswo Verwandte?“

„Nicht, dass ich wüsste. Warum fragst du danach? Hältst es nicht mehr hier aus, was?“

„Nein, das mein ich ja gar nicht.“

Una beäugte sie kritisch, schürzte die wulstigen Lippen und wandte sich wieder ihrer Suppe zu.

Aésha probierte es erneut. „Weißt du, wer ihre Freunde waren?“

„Freunde?“

„Ja, Freunde. Sie hat sich doch sicherlich mit jemandem gut verstanden. Mit einer besten Freundin, zum Beispiel.“

„Ich weiß nichts von einer besten Freundin. Deine Mutter ist voll und ganz in ihrer Rolle als Ehefrau, Mutter und Hofherrin aufgegangen. Ich glaube nicht, dass sie Zeit für Tratsch und Klatsch mit irgendwelchen Weibern hatte. Und nun iss.“

Fast hätte Aésha gefragt, ob sie eine Lilja kannte. Wer sie war und ob ihre Mutter einst in Elandor gelebt hatte, doch sie biss sich auf die Zunge und schwieg. Damit hätte sie sich nur verraten.

„Was mich jedoch zu einer anderen Angelegenheit führt, die wir dringend weiter erörtern müssen …“, setzte ihr Kindermädchen an.

Aésha rollte die Augen. „Nein“, entgegnete sie barsch. „Da gibt es nichts zu erörtern. Ich werde ihn nicht heiraten.“

„Tu nicht so, als hättest du die größte Auswahl. Die Bewerber um deine Hand stehen schließlich nicht vor der Haustür Schlange und warten geduldig auf deine Antwort“, antwortete Una und fuchtelte mit ihrem Löffel in der Luft herum.

Aésha dachte indes an Helgar. Den Mann, der ihr eine Heirat vorgeschlagen hatte. Nicht auf die romantische Art, es war nicht einmal ein richtiger Antrag, sondern mehr ein Geschäft, das er im Sinn hatte. So lapidar, als plante man, eine Teegesellschaft zu organisieren. Es ging ihm nicht um Geld, das hatte Aésha kaum noch zu bieten, er dafür umso mehr. Es ging ihm darum, dass seine im Vorjahr verstorbene Frau es unverschämterweise nicht geschafft hatte, ihn mit einem Erben zu beschenken. Doch durch sein fortgeschrittenes Alter und seine nicht vorhandene Schönheit war er eher unbeliebt bei den noch unvermählten Damen, was seinen Geschmack sich jedoch nicht dazu verleiten ließ, mit einer ebenso unattraktiven Frau Vorlieb zu nehmen.

Das war unter seiner Würde, die er mit seinem Gold verwechselte.

Aésha verzog das Gesicht, als sie ihn vor ihrem inneren Auge sah. Aufgedunsen, mit einer roten Weintrinkernase, einem Wohlstandsbauch, der selbst dafür zu groß war und aschgrauem, öligem Haar, das auf seinem Kopf klebte. Sie sah ihn vor sich, wie seine dicken Finger versuchten, ihr einen klobigen, viel zu engen Ring aufzudrängen und spürte, wie sich ihr Hals zuzog. Nicht in diesem Leben, nahm sie sich verbissen vor.

Una hatte wohl noch eine Weile weitergesprochen, bis sie Aéshas abwesenden Blick bemerkte hatte und mit den Fingern vor ihrer Nase herumschnippte.

„Hörst du mir überhaupt noch zu?“

„Ich habe nein gesagt“, gab Aésha kühl zurück und stand auf. Sie musste sich etwas anderes für ihre Zukunft überlegen. Wenn sie wenigstens geschickt in Handarbeiten wäre oder die Möglichkeit hätte, in eine Lehre zu gehen.

Doch damit würde sie das Haus nicht halten können. Ihr ging das Geld aus.

Una hatte ihr bereits angedroht, wenn es so weiterginge, bald das Pferd verkaufen zu müssen.

Aber Helgar war keine Option. Sie musste einen anderen Weg finden.

 

Drei Tage später hatte sie noch immer keine Ruhe gefunden.

Inzwischen war sie wiederholt auf den Dachboden geschlichen und hatte die Habseligkeiten ihrer Mutter in Augenschein genommen. Den Stab und das magische Buch rührte sie jedoch weiterhin nicht an. Zu beängstigend waren die Erinnerungen an die Nacht, in der sie die Truhe gefunden hatte. Sie verstand noch immer nicht, was das Leuchten auslöste und ob es mit ihrem Traum zusammenhing. Wäre sie nicht erwacht, hätte sie es womöglich gar nicht bemerkt.

Sie fand ein Kräuterbuch mit Abbildungen, Wirkweisen, Zubereitungen und Fundorten verschiedenster Pflanzen. Außerdem Landkarten, die jedoch veraltet schienen. Aésha erkannte darauf einige Städte, von denen sie wusste, dass sie nicht mehr existierten. Außerdem waren die Karten ungenau und kaum leserlich. Nichtsdestotrotz studierte sie jede Linie. Fuhr mit dem Finger den Fluss unweit Maurins entlang, der bei Enorhaven ins Meer mündete, der Händlerstadt, aus der ihr Vater die Waren bezogen, mit denen er sich sein Vermögen aufgebaut hatte. Zeichnete die Ländergrenze der Silvanei nach, dem Land des Waldes, das, so hatte sie gelernt, so genannt wurde, weil es nirgendwo mehr und größere Wälder gab als hier. Sie fand auch Elandor, ebenfalls an der Ostküste gelegen, wenn auch viel weiter südlich.

Und irgendwann, als sie eines Nachts wieder einmal dort oben saß, das Wachs der Kerze neben ihr auf den Boden tropfte und sie versunken in ein Buch über die verschiedensten Wesen und Kreaturen der erforschten Welt war, fasste sie einen Entschluss.

Sie würde gehen. Sie würde noch heute ihre Sachen packen und sich auf den Weg nach Elandor machen. Sie musste herausfinden, wer Lilja war.

Aésha holte einen großen Rucksack aus Stoff, den ihr Vater früher auf Reisen genutzt hatte, stopfte verschiedene, ihrer Meinung nach für eine Reise nützliche Habseligkeiten hinein, außerdem Kleidung, die Karten und schließlich auch den Stab und das magische Buch.

Ihre Fingerspitzen kribbelten, als sie die beiden Gegenstände berührte und sie schüttelte nervös die Hände.

Im alten Arbeitszimmer ihres Vaters öffnete sie ein versteckt gelegenes Fach in seinem alten prunkvollen Schreibtisch, in dem sie ihr noch übrig gebliebenes Bargeld verwahrten.

Sie warf einen Blick auf das gezeichnete Abbild ihrer Eltern, das an der Wand über dem Schreibtisch hing. Sarina Hallinors lange Locken, die sie ihrer Tochter vererbt hatte, fielen schön drapiert über ihre Schultern. Stolz und aufrecht stand sie neben Tamo, ihrem großgewachsenen Mann. Er war wie sie vornehm gekleidet, zeigte damit seinen Wohlstand. Er lächelte leicht und umfasste Aéshas Mutter liebevoll an der Taille.

Aésha überkam ein neuer Anflug von Trauer. Auch nach Jahren war der Verlust noch so schmerzhaft wie direkt nach dem Unfall.

Sie stockte, doch dann holte sie den Schlüssel des Fachs aus seinem Versteck und nahm sich einen Teil der Münzen. Von den wertvollsten Brokaten, den weniger kostspieligen Silkaten, einigen Hellern bis hin zur kleinsten Währung, den Dirals, war alles dabei. Una ahnte bis zu diesem Tage nicht, dass Aésha längst wusste, wo sie den Schlüssel aufbewahrte. Dann schlich sie sich nach unten, griff ihren Mantel, ging in die Küche und deckte sich mit Vorräten sowie nützlichen Hilfsmitteln wie einem Messer und einer ledernen Trinkflasche ein.

Der Geruch von etwas zu lange in der Sonne gelegenem Stroh und Heu stieg ihr in die Nase, als sie den Stall betrat. Wie mechanisch striegelte sie das Pferd, das sie zu ihrem zwölften Geburtstag bekommen hatte, obwohl es damals noch viel zu groß für sie gewesen war. Es war der letzte Geburtstag, den sie mit ihren Eltern verbrachte. Wehmütig dachte sie an diesen Tag zurück.

„He, Atlas, na, wie sieht’s aus? Bist du bereit für eine Reise?“ Sie tätschelte den starken Hengst, bevor sie ihn sattelte und das Zaumzeug anlegte.

Bevor sie jedoch endgültig ihr Heim verließ, weckte sie noch Maru, die auf einem Balken im Stall ihr Nest hatte.

„Hey, meine Hübsche“, flüsterte Aésha und strich dem Falken zärtlich über das Gefieder.

Maru öffnete schläfrig die Augen und gab ein leises Fiepsen von sich.

„Shh, alles gut, komm, du kannst in der offenen Satteltasche weiterschlafen.“

Die Hufe hallten laut auf dem harten Boden. Die inzwischen langsam endende Nacht schien jedes Geräusch zu verstärken.

Aésha ritt an den kleinen Fachwerkhäusern des Dorfes vorbei, am Bäcker, bei dem schon fleißig gearbeitet wurde, dem Tischler, dem Wirtshaus mit der schiefen Tür und dem Rathaus, in dem der Bürgermeister schon in vierter Generation amtierte. Bis hin zum Rand des Dorfes und schließlich zu dem Punkt, an dem sie nur von Karten wusste, was sie dahinter erwarten würde.

Aésha atmete kräftig durch und sandte ein Stoßgebet an Minaria, die auch Göttin der Reisenden war. Dann ließ sie ihr Pferd antraben.

 

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